Tagungsbericht zur APK-Tagung vom 6. bis 8. September 2021 in Bremen

 

Frau Prof. Prestin vergleicht den indirekten Zwang in der Psychiatrie mit einem Auto in der Waschstraße. = Gang und Bremse raus und dann wird man automatisch da durch geführt und man hat keinen Einfluss mehr auf das Geschehen. Hr. Brieger vergleicht den indirekten Zwang in der Psychiatrie mit den Einschränkungen durch die Coronamaßnahmen. Ich war im Symposium (geschlossene Heime). Es wurde über die geschlossene Heime in Stuttgart berichtet. Patienten sind nur kurz dort untergebracht und haben ganz schnell wieder Ausgang etc. 1 Millionen Menschen gelten in Deutschland als psychisch krank. 6000 Patienten davon sind in geschlossenen Heimen untergebracht. Viele können nicht aus den geschlossenen Heimen entlassen werden, weil keine optimale Anschlussunterbringung zu finden ist. Berlin hat keine geschlossene Heime. Die Patienten von dort werden dann in anderen Bundesländern geschlossen untergebracht. Uli Krüger hat eine Stiftung (Anerkennung und Hilfe für Menschen, die in der DDR Leid und Unrecht erfahren haben) vorgestellt. Diese Opfer sollen über die Stiftung entschädigt werden. Außerdem soll das Leid und Unrecht dadurch aufgearbeitet werden. 9000 Euro gibt es als finanzielle Entschädigung pro Person. Im 2. Symposium ging es um Rechtliches zu Betreuungsverfahren und Zwangsmaßnamen. Die Coronalage wurde ausgenutzt, um richterliche Anhörungen zu verhindern. Somit fielen die Urteile immer zu Ungunsten der Betroffenen aus. Die UN-BRK muss in jedem Gerichtsverfahren angewendet werden. Dazu gehört auch die Aufklärung aller Rechte der Betroffenen, wenn ein Verfahren gegen sie eingeleitet wird. Viele Richter sind nicht in der Lage, sich an Recht und Gesetz zu halten.

 

Danach gab es Kulturprogramm. Verkleidete Politessen haben an alle Teilnehmer Knöllchen verteilt etc. An einem Abend waren wir mit den ganzen Organisatoren und Referenten in einer Tapas Bar. Dort haben wir schön gegessen und viel Spaß gehabt bis spät in die Nacht.

 

Am nächsten und letzten Tag war der Selbsthilfetag. Dort ging es um die unterschiedlichen Strömungen in der Selbsthilfe-Bewegung. Die Gruppierungen sollten sich nicht weiterhin zerfleischen, sondern unterschiedliche Haltungen respektieren und zusammenhalten.

 

Siehe auch: https://www.apk-ev.de/veranstaltungen/jahrestagung/tagung-2021

 

Im Anhang noch ein paar Bilder über Folien während der Tagung.

 



 

 

 

 

 

 

 

Tagungsbericht: 3. Landes-Trialogtagung 361° vom 03. - 04.02.2020 in Hannover

- Betrachtungen partizipatorischer Sozialpsychiatrie

 

Vier Teilnehmer dieser Tagung berichten von den Ergebnissen und ihren Eindrücken.

 

1. Vortrag „Multiloog“ von Heinz Mölders und Margitta Matthies:

 

Bei den  Referenten handelt es sich um zwei Künstler aus Amsterdam. Der Multiloog ist die Verständigung über das Leben. Hierbei treffen sich Menschengruppen aus verschiedenen Bevölkerungsschichten mit verschiedenen Hintergründen.

 

Auf der Basis der kritischen Psychologie werden Erfahrungen über Diagnosen ausgetauscht. Beim Multiloog werden Menschen nicht nach Diagnosen aufgeteilt, sondern es geht um den Umgang mit Problemen im Alltag. Den Multiloog gibt es seit 20 Jahren in Amsterdam. Der Multiloog besteht nicht nur aus Gesprächsthemen, sondern beinhaltet auch Themen wie Kunst und Theater.

 

2. Vortrag „Das Hamburger Psychose-/Trialogseminar“ von Thomas Bock:

 

Thomas Bock erklärt, was der Trialog ist. Das Hamburger Psychoseseminar war der erste Trialog in Deutschland, welcher von Dorothea Buck und Thomas Bock ins Leben gerufen wurde. Das Ziel ist es, der Psychiatrie das Zuhören und das miteinander Reden auf gleicher Augenhöhe beizubringen.  Außerdem sollen gegenseitige Vorurteile dort abgebaut werden. Der Dialog über den Trialog ist wie Therapie ohne Absicht. Ziel des Trialoges ist Empowerment.

 

Dann wurde die Frage „Wie gesund ist krank?“ gestellt.

 

Thomas Bock sieht:

 

  • Ängste als Selbstschutz vor Gefahr.
  • Zwänge als rituelle Handlungen, Schutz vor Zerfall.
  • Depression als emotionalen Totstellreflex zum Selbstschutz.
  • Manien als Flucht nach vorne aus Überanpassung.
  • Psychosen als Reizoffenheit, Dünnhäutigkeit, Trauma ohne Schlaf, frühe Wahrnehmung.

 

 

Die Teilnehmer haben auch an einigen Workshops teilgenommen.

 

Workshop: Offener Dialog von Kolja Heumann und Tina Meyn:

 

Hierbei handelt es sich um ein skandinavisches Modell. Man stellt sich die Frage, wie für jeden einzelnen die ideale Psychiatrie aussehen soll.

 

Wie z.B. die Ideen

  • ·         kein Zwang,
  • ·         miteinander reden,
  • ·         schnelle Hilfe in akuten Krisen,
  • ·         keine Bürokratie
  • ·         und viel Geduld

realisiert werden können.

Wie sehr deckt es sich mit unseren Erfahrungen? Die Antwort, die gegeben wurde, ist kaum.

Als Beispiel wurden die Wahrendorffer Kliniken genannt.

 

Was soll sich ändern?

Vorschläge:

  • ·         verschiedene Perspektiven einbeziehen 
  • ·         Ideen ausprobieren
  • ·         offene Strukturen
  • ·         Orientierung an Gesundheit

 

Das Ziel ist, dass sich Dinge auch ändern sollen.

·         Aufsuchende Hilfen, anstatt Menschen in Kliniken zu bringen. Denn dort müssen die Patienten nicht nur ihre eigene Krise, sondern auch die Krisen der anderen Mitpatienten aushalten. Das führt nicht zur Gesundung.

  • ·         Familien sollen mit einbezogen werden.
  • ·         Keine Symptombehandlung, sondern Probleme und Ursachen angehen.
  • ·         dem Bedürfnis angepassten Behandlung
  • ·         ambulante Teams mit Psychiatrie-Erfahrenen
  • ·         Krisendienste rund um die Uhr
  • ·         Krisenwohnung 
  • ·         Akutstation im Krankenhaus 
  • ·         Kunst-, Musik- und Ergotherapie
  • ·         sofortige Hilfe in Krisen, 24 Stunden
  • ·         fortlaufende Netzwerkgespräche mit Einbeziehung von Angehörigen, Freunden und Nachbarn
  • ·         anschließende Intervallbehandlung
  • ·         selektive Anwendung von Medikamenten
  • ·         Behandlungsprozess gemeinsam mit Patienten in sozialen Netzwerken strukturieren

 

 

Workshop: Kunstwerkstatt von Martina Vollmer:

 

Es gibt 3 Perspektiven: Professionelle, Betroffene und Angehörige.

 

Die Teilnehmer sollten aus Zeitschriften Bilder oder Texte ausschneiden, die sie bewegen. Alternativ konnte man mit Aquarellfarben arbeiten, um Themen darzustellen, die den drei unterschiedlichen Perspektiven angehören. Im Anschluss berichten die Teilnehmer darüber, warum sie diese Auswahlen getroffen haben oder erklärten ihre Aquarellbilder. Es wurde darüber diskutiert, ob andere diese Erfahrungen mit Bildern und Texten teilen, bzw. ob sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

 

 

Workshop: Teilhabe am Arbeitsleben für alle von Norbert Arndt und Lorenz Tiedemann:

 

Der Workshop hatte 13 Teilnehmer.

 

Hierbei haben wir in Kleingruppen über die ideale Arbeitsform für psychisch Genesende diskutiert. Es wurden Visionen und/oder Utopien zu diesem Thema entwickelt. Die Gruppen sind zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen, die wir in einer Art Plenum zusammengetragen und geordnet haben.

 

Ein Ergebnis war, dass es bessere Rahmenbedingungen geben sollte.

  • Das bedeutet:
  • ·         flexible Arbeitszeiten,
  • ·         ressourcenorientierte Arbeitsplätze,
  • ·         individuelle Pausen,
  • ·         Mitspracherechte psychisch genesender Menschen,
  • ·         die Möglichkeit Wünsche zu äußern,
  • ·         mehr Toleranz von Arbeitgebern,
  • ·         regelmäßige unterstützende Gespräche,
  • ·         unbefristete Arbeitsstellen,
  • ·         angepasste Settings (z.B. in Bezug auf die Lautstärke am Arbeitsplatz).

 

Weitere Forderungen waren:

  • ·         mehr Entscheidungsfreiheit, 
  • ·         Rückzugsmöglichkeiten (Ruheräume),  
  • ·         mehr Teilzeitstellen. 

 

Dabei sollte es auch individuelle Förderung, persönlichen Schutzraum, individuelles Eingehen auf die Arbeitnehmer geben. Wobei natürlich auch Selbstfürsorge, Transparenz und Austausch bezüglich der eigenen Situation wichtig sind. Auch gesellschaftliche Akzeptanz, weniger Bewertung und Tabuisierung von psychisch genesenden Menschen durch die Gesellschaft, Normalisierung statt Stigmatisierung und mehr Psychoedukation wurden gefordert. Es ging auch darum, dass die Arbeit den Lebensunterhalt sichern sollte und, dass psychisch Genesende auch bedarfsgerechte Informationen bei Behörden erhalten. Auch wurde das Thema Förderung und Unterstützung der Mobilität angerissen. Es gab zusätzlich noch die Forderung nach Motivation zur Disziplin.

 

Die Mitarbeit der Teilnehmenden und die Zusammenarbeit im Workshop waren sehr gut.

 

 

Workshop:  Partizipative Forschung zur Gewalt an Frauen und Trauma von Ariane Brenssell:

 

Das Berliner Forschungsinstitut "Tauwetter" unter dem Aspekt der kritischen Psychologie. Siehe Fotos im Anhang.

 

 

Workshop: Zukunftswerkstatt Selbsthilfe von Maria Matzel und weiteren:

 

Die Selbsthilfegruppen sollen sich besser vernetzen und Aufklärungsarbeit zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen leisten. Die Selbsthilfe ist genauso wichtig wie eine Familie. Jeder hört jedem zu und jeder lässt jeden aussprechen. Die Selbsthilfegruppe wird in der Öffentlichkeit immer wichtiger.

 

 

Workshops im Rahmen des Open Space:

 

1. Verlinkung von der allgemeinen Psychiatrie und der forensischen Psychiatrie:

 

Als erstes wurde berichtet, dass Niedersachsen in der Einbeziehung von Ex-Inlern extrem hinterher hinkt.

 

Eine Zusammenarbeit ist schwer zu erreichen, weil es sich zum einem um zwei parallele konkurrierende Systeme (Forensik und Allgemeinpsychiatrie) handelt und zum anderen die allgemeine Psychiatrie Vorurteile gegenüber Forensikpatienten hat.

 

Es wäre sinnvoll, bei einer Unterbringung von Betroffenen in der Forensik von Anfang an den sozialpsychiatrischen Dienst mit einzubinden. Bei der Aufnahme in der Forensik sollte von Anfang an mit dem Sozialpsychiatrischen Dienst die Entlassung geplant werden. Das bedeutet: Es sollte überlegt werden, in welche Wohnform eine Entlassung sinnvoll wäre und dem entsprechend ein Platz in einer geeigneten Einrichtung reserviert werden.

 

Für den Fall, dass der Betroffene anschließend in eine WfBM kommt, dass man ihm auch dort einen Platz reserviert. Man sollte sich auch anschließende Therapieformen überlegen und auch dort gleich einen Platz reservieren.  Ein Psychiater meinte, dass ein halbes Jahr vor Entlassung reichen würde. Siehe ebenfalls Fotos im Anhang.

 

 

2. Entstigmatisierung:

 

In diesem Workshop ging es darum, dass Entstigmatisierung erst einmal Selbstentstigmatisierung bedeutet.

 

Dann wurde erarbeitet, wie z.B. mit Kunstprojekten, Öffentlichkeitsarbeit und sozialen Medien Entstigmatisierung betrieben werden kann. Weiterhin wurde überlegt, wie man das Thema in die Politik bringen kann. Eine Idee wäre, Politiker einzuladen und mit unterschiedlichen Verbänden zu versuchen, in Gremien zu kommen.

 

 

   
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